Wenn gute Serien zu guten Geschichten werden

Wir lieben Geschichten.1 Es liegt in der Natur des Menschen, sich für die Lebensumstände und Erfahrungen anderer zu interessieren. Egal, ob „Grey’s Anatomy“ oder „The Walking Dead“: Hast du dich schon einmal gefragt, wieso dich die Entwicklung deines Lieblingscharakters emotional mitreißt, ja vielleicht sogar aufwühlt? Und weil wir wissen wollen, ob Meredith Grey noch mal ihren “McDreamy” findet oder ob sich Rick Grimes aus seinem emotionalen Tief befreien und an Negan rächen kann, schauen wir eine Staffel nach der anderen.

Filmproduzenten müssen sich in Zeiten der Serienüberflutung ein spannendes Drehbuch überlegen, um den Rezipienten für ihre Serie zu begeistern. Dabei kommt es vor allem auf hochwertig produzierte Geschichten an – „Storytelling“ ist hier das Stichwort. Storytelling ist die Kunst, eine Story so zu verpacken, dass sie gerne gehört, gelesen oder angeschaut wird. Dabei macht man sich zwei Umstände der menschlichen Wahrnehmung zunutze: Erstens können wir komplexe Zusammenhänge besser nachvollziehen, wenn sie als Geschichte verpackt sind. Und zweitens speichern wir Informationen überwiegend in Bildern.2Demnach suchen wir uns also Serien aus, deren Geschichte uns von Anfang an packt und deren Charaktere uns eventuell sogar ähneln.3 Wie aber schaffen es die Produzenten, uns an eine Serie zu binden?

“Previously on …” – Wieso Episoden wie Pralinen sind und man nie weiß, was man bekommt

In den sogenannten „Drama-Serien“, die meist circa 50 Minuten dauern, werden die Rezipienten mit Verbrechen, Geheimnissen und fiktionalen Konflikten konfrontiert. Hierfür werden uns im Laufe einer Serie Handlungsempfehlungen und Lösungen präsentiert. Je mehr man sich mit den Protagonisten und den Problemen identifizieren kann, desto größer ist die Entspannung beim Zusehen der Konfliktlösung.4 Serien haben die Besonderheit, dass sie unter Anwendung der richtigen Dramaturgie wie eine Droge wirken können. Die Konfliktlösungen ziehen sich über mehrere Folgen, was den Zuschauer dazu bewegt, bei der nächsten Folge wieder einzuschalten. Wenn keine Folge einer Serie mehr verpasst werden darf, ist das in der Regel der Dramaturgie zu verdanken, der Art, wie die Serien-Geschichten erzählt werden. Ganz allgemein gesprochen ist Dramaturgie die Lehre von der äußeren Bauform und Gesetzmäßigkeiten der inneren Struktur eines Dramas. Durch einen guten Aufbau der Dramaturgie, kann es dazu kommen, dass die Zuschauer einer Serie immer weiterschauen möchten. Somit stellen sich Regisseure von Filmen oder Serien also der Herausforderung, die Figuren und die Themen so darzustellen, dass das Publikum unbedingt wissen will, wie es weitergeht – und zwar von Folge zu Folge ohne Unterbrechung.5 Wird dieser Vorgang mehrmals wiederholt, sodass man aufgrund von Storytelling und Dramaturgie an die Serie gebunden ist, kann man vom sogenannten „Binge-Watching“ sprechen (einen Kommpakt-Beitrag zum Thema „Binge-Watching“ findet ihr hier).

Was genau sind Cliffhanger?

Um die Spannungskurve zu erhöhen und die Rezipienten an die Serie zu binden, arbeiten Serienproduzenten vor allem mit sogenannten „Cliffhangern“. Der Begriff „Cliffhanger“ (aus dem Englischen “Cliffhanger”, wörtlich: “an einer Klippe hängen”) wird für eine spezielle Erzähltechnik verwendet, bei der in einem Moment großer Spannung die serielle Erzählung unterbrochen wird, um den Rezipienten zu veranlassen, die Fortsetzung sehnlichst herbeizuwünschen und diese dann weiter zu rezipieren.6

Gemeinhin gilt diese Erzähltechnik als sehr nervenaufreibend und teilweise als frustrierend, da man beim Genuss serieller Werke unterbrochen und dann gezwungen wird, erneut zu rezipieren, um die Auflösung zu erfahren. In der Serie „Sherlock“ beispielsweise löst der Cliffhanger am Ende der zweiten Staffel höchstwahrscheinlich eine große Frustration beim Zuschauer aus, da sich der Hauptdarsteller von einem Hochhaus stürzt und die Befürchtung groß ist, dass die nachfolgende Staffel ohne den berühmten Sherlock Holmes fortgesetzt wird. Der Cliffhanger wird jedoch am Anfang der dritten Staffel damit aufgelöst, dass der vermeintliche Suizid lediglich inszeniert war und der Zuschauer folglich hinters Licht geführt wurde. Die einzelnen Folgen oder Staffeln einer Serie werden also geschickt aufeinander bezogen, um die Neugier und Aufmerksamkeit für die Serie trotz einer Unterbrechung aufrechtzuerhalten.

Bereits in den 1920er Jahren fand die Psychologin Zeigarnik bei ihren Experimenten heraus, dass Menschen unter bestimmten Bedingungen unvollendete Handlungen besser in Erinnerung behalten als vollendete.7 Dieser Effekt wird auch Zeigarnik-Effekt oder Cliffhanger-Effekt genannt, in Anlehnung an das Stilmittel, eine Geschichte an der spannendsten Stelle unvollendet zu unterbrechen. Als Ursachen für diesen Effekt zählen zum einen die “Restspannungen” in unserem Erinnerungsvermögen und zum anderen eine nicht eingetretene Wunscherfüllung.8 Die Grundannahme, dass unerledigte Handlungen besser im Gedächtnis haften bleiben als erledigte Handlungen, wird im Englischen auch als “interrupted tasks” bezeichnet. Die Psychologin Ovsiankina – eine Zeitgenossin und Kollegin von Zeigarnik – konnte den Handlungszwang bzw. den Drang zur Wiederaufnahme einer unterbrochenen Handlung nachweisen.9 Dieses Verhalten ließe sich auch auf das Serienschauen übertragen: Endet eine Folge einer Serie an ihrem Höhepunkt, bleibt dem Rezipienten diese unvollendete Handlung im Gedächtnis und er möchte die Serie unbedingt weiterschauen, um die Auflösung zu erfahren.

Der Handlungsabbruch an einer besonders spannenden Stelle dient also der Markierung des Endes einzelner Erzählsegmente und bildet somit den temporären Endpunkt eines klimatischen Handlungsverlaufs.10 Mithilfe dieser Eigenschaft kann der Cliffhanger die Beziehung zwischen Zuschauer und Serie aufrechterhalten. Im Idealfall verfestigt sich diese Bindung zu einer Gesamtrezeption der Serie.

Eigene Darstellung in Anlehnung an Geldschläger (2018)

Klimatischer Verlauf eines Cliffhangers

 Die Spannungskurve eines Cliffhangers in einer Serie verläuft ähnlich wie der Aufbau eines Dramas. Dabei teilt der Cliffhanger bei Serien oftmals nicht nur zwei aufeinanderfolgende Folgen, sondern wird oftmals erst nach drei oder mehr Folgen aufgelöst. Das klassische Drama beginnt mit der Exposition. Hier wird in die Handlung eingeführt. Die Fragen nach den Personen, der Stimmung, der Situation sowie Ort und Zeit werden geklärt. Zusätzlich wird der Konflikt angedeutet und initiiert.11 Wie bei allen Serien lernen wir beispielsweise in den ersten Folgen der US-amerikanischen Mysteryserie “Pretty Little Liars” die Hauptcharaktere kennen. Schnell wird klar, dass die seltsamen Nachrichten von “A” an Hanna, Spencer, Emily und Aria mit dem Verschwinden der Cliquenanführerin Alison in Verbindung stehen.

Daraufhin folgt im klassischen Drama das erregende Moment. Die Spannung des weiteren Verlaufs wird gesteigert und die Handlung wird zunehmend komplizierter. Zusätzlich beschleunigt sich die Entwicklung des Geschehens.12 Während in einer Tragödie der Held den Verlauf der Handlung trotz Rückschläge zu kontrollieren scheint, entgleitet dem Held in einer Komödie zunehmend die Kontrolle über das Geschehen. Im Midseason-Finale der sechsten Staffel von Pretty Little Liars deutet alles darauf hin, dass die fünf Freundinnen endlich herausgefunden haben, wer sich hinter dem Akronym “A” befindet. Nachdem sich Charlotte nach ihrem Versuch, sich vom Hochhaus zu stürzen, mit den Worten “Game Over” vor die fünf Freundinnen stellt, scheint das Rätsel gelöst zu sein.

Der dritte Akt des Dramas ist der Höhepunkt, auch Klimax oder Peripetie genannt. Dieser Höhepunkt wird in Serien oftmals an der spannendsten Stelle abgebrochen und spiegelt dann den Cliffhanger wider. Bei der Tragödie befindet sich des Helden Geschick auf dem Höhepunkt, wohingegen es bei einer Komödie auf dem Tiefpunkt ist. Der Held macht an dieser Stelle eine entscheidende Auseinandersetzung durch. Die Peripetie bezeichnet die Wendung in der Handlung sowie die Wendung des Geschicks bzw. Glücks des Helden.13 Auf unser Serien-Beispiel übertragen bedeutet das: Nach der Szene auf dem Hochhausdach, endet die Folge mit einem Zeitsprung fünf Jahre in die Zukunft. Die fünf Freundinnen sind panisch und müssen anscheinend vor jemandem fliehen. Daraufhin endet die Folge. Diese Unterbrechung ist der Cliffhanger. An dieser Stelle möchte der Zuschauer wissen, was passiert ist und vor wem die Freundinnen fliehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass an dieser Stelle der Serie weiter geschaut wird, um das Unvollendete zu vollenden.

Anschließend wird die Handlungsentwicklung durch das retardierende Moment verzögert, wodurch eine Spannungserhöhung erzeugt wird. Das Geschick des Helden fällt (Tragödie) oder steigt (Komödie).14 Der zweite Teil der sechsten Staffel von „Pretty Little Liars“ beginnt nicht mit der Auflösung des Cliffhangers. Stattdessen werden die fünf Freundinnen erneut durch Nachrichten eines Unbekannten tyrannisiert. Ab diesem Zeitpunkt steht unter den Nachrichten das Kürzel “A.D.”. Es ist also fraglich, ob von Anfang an mehrere Personen hinter “A” steckten oder ob “A.D.” sich für den Tod von Charlotte rächen möchte.

Der letzte Akt des klassischen Dramas endet mit der Lösung des Konflikts bzw. der finalen Auflösung aller Ereignisse. Dies kann – je nach Genre – durch eine Katastrophe und damit dem Untergang des Helden einhergehen oder es ereignet sich ein Happy End.15 Die endgültige Auflösung des Cliffhangers und damit auch die Auflösung, vor wem die Freundinnen flüchten mussten, erfährt der Zuschauer in der letzten Folge der siebten Staffel. Spencers unbekannte Zwillingsschwester Alex, die wiederum auch die Schwester von Charlotte aka “A” ist, entlarvt sich als “A.D.”.

Spannungskurve klassisches Drama. Eigene Darstellung in Anlehnung an Geldschläger (2018).

Binge Watching als Folge guten Storytellings

Das wahrscheinlich anschaulichste Unterscheidungsmerkmal zwischen verwendeten Stilmitteln in Filmen und Serien ist die zeitversetzte Spannungskurve durch den Cliffhanger bei Serien. Während sich beim Film die dargelegte Spannungskurve innerhalb der klassischen 90 Minuten abspielt, wird der Cliffhanger bei einer Serie üblicherweise am Ende einer Folge oder Staffel eingesetzt, wodurch sich die Spannungskurve zeitversetzt fortsetzt. Nachdem sich die Spannung der Erzählung stufenartig aufgebaut hat, wird derjenige, der die Handlung verfolgt, regelrecht “hängen gelassen” (in Anlehnung an den englischen Begriff “Cliffhanger”). Und schon klicken wir auf den “Next Episode”-Button.

Bildunterschrift: Spannungskurve Cliffhanger. Eigene Darstellung in Anlehnung an Geldschläger 2018.

Wenn keine Folge einer Serie mehr verpasst werden darf, ist das in der Regel der Dramaturgie zu verdanken, der Art, wie die Serien-Geschichten erzählt werden. Ähnlich dem Rauschgift gibt die Serien-Dramaturgie immer wieder ein vages Versprechen ab, das sie aber nie ganz einlöst.16 Um dieses Gefühl und die Spannung aufzulösen, schauen wir die Serie immer weiter und das Ziel der Produzenten, uns an die Serie zu binden, gelingt.

 

 


Autorinnen: Milena Bockstahler & Jenny S.
Milena und Jenny studieren zurzeit im Master Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Hohenheim.

 

 


Bildquelle:

Header-Bild: freeketsal – https://www.flickr.com/photos/57403736@N02/5330145951

Fußnoten

  1. Achtung, dieser Beitrag enthält Spoiler.
  2. artundweise (2018): Was wir von den großen Serien unserer Zeit über digitales Storytelling lernen können. https://www.artundweise.de/magazin/was-wir-von-den-grossen-serien-unserer-zeit-ueber-digitales-storytelling-lernen-koennen/ 
  3. Liebichen, T. (2013): Beziehungen zu Daily-Soap-Figuren und ihre Bedeutung für Rezipierende im Alltag, München, GRIN Verlag.  https://www.grin.com/document/124652
  4. Badanjak, S. (2005): Sitcoms, Soaps und Drama Series. Zur Publikumsbindung von Fernsehserien. Medienheft Dossier, 23, S. 13-19. http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d23_BadanjakSascha.pdf 
  5. Badanjak, S. (2005).
  6. Fröhlich, V. (2015): Der Cliffhanger und die serielle Narration. Analyse einer transmedialen Erzähltechnik. Bielefeld: transcript. https://www.degruyter.com/view/product/458179 
  7. Zeigarnik, B. W. (1927): Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen. Psychologische Forschung 9, 1–85. http://interruptions.net/literature/Zeigarnik-PsychologischeForschung27.pdf 
  8. Zeigarnik, B.W. (1927).
  9. Ovsiankina, M. A. (1928): Die Wiederaufnahme unterbrochener Handlungen. Psychologische Forschung 11(3/4), 302-379. http://www.academia.edu/31828353/Maria_A._Rickers-Ovsiankina_1898-1993_ 
  10. Jurga, M. (1998): Der Cliffhanger: Formen, Funktionen und Verwendungsweisen eines seriellen Inszenierungsbausteins. In: Willems, H., Jurga, M.: Inszenierungsgesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-322-89797-8_26 

  11. Franz, R. (2012). Der Aufbau der Handlung in den klassischen Dramen.
  12. Franz, R. (2012).
  13. Hauer, P. (2007): Der Aufbau des klassischen Dramas. https://www.philipphauer.de/info/d/aufbau-drama-macbeth-iphigenie/ 
  14. Geldschläger, J. (2018): Peripetie. https://wortwuchs.net/peripetie/ 
  15. Hauer, P. (2007).
  16. Badanjak, S. (2005): Sitcoms, Soaps und Drama Series. Zur Publikumsbindung von Fernsehserien. Medienheft Dossier, 23, S. 13-19. http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d23_BadanjakSascha.pdf 

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